UERTO MALDONADO


Zwei Stunden Flug. Von Lima der Hauptstadt Perus in den Osten. Dann bin ich da - im Land der "curanderos", der Kurpfuscher und Dämonen, der indianischen, christlichen und der aus Hollywood. Gleich neben der wunderschönen Uferpromenade, direkt im Blickfeld des breiten "Madre de Dios" und seines Regenwaldes die Begrüßung: "Willkommen in der spirituellen Welt!".

Der Eingeborene, Meister Edwin, bietet seine von den Vorfahren überlieferte Weisheit an. Er löst Liebesprobleme und heilt Krankheiten. Stolz verweist er auf seine Anerkennung durch das Kultusministerium, und ist natürlich über Smartphone zu erreichen.

Ein paar hundert Meter weiter überragt ein anderes Wahrzeichen der spirituellen Welt die hochgewachsenen Palmen des Stadtparkes: Maria, die Jungfrau, lächelt milde auf die Schattensuchenden herab. Hier wird niedergekniet, werden Kreuze geschlagen und Stoßgebete zum Himmel geschickt. Dort soll sie sein, die wirkliche Maria, und sich für ihre Anhänger einsetzen. Im schwül-heißen Klima des Amazonasbeckens gedeihen die seltsamsten Legenden.

Gleich um die Ecke wird's dann richtig hart. Horror. Freddy und Jason laden zum "Happy Halloween" ein und schüren kräftig Angst. Die Toten und Dämonen haben das Sagen. Hollywood im Regenwald.


Ich mache mich auf die Suche. Es muss sie doch geben in diesem Sumpf christlich/indianischer Mythologie, die "Säule und Verteidigerin der Wahrheit" (1.Tim.3, 15)! Ich steige in eines der "motos". Drei Räder, ein Motor, ein kleines Sonnendach - und jede Menge Spaß: kein Helm, kein Gurt, links rüber, rechts rüber, warme Luft und viel Bewegung. Freiheit. Ich finde, was ich suche: "Iglesia Bautista", "Movimiento Pentecostal", "Iglesia Evangélica Cristiana y Misionera" - da ist sie, die Gemeinde Jesu! Am Abend danke ich Jesus in meinem Gebet für ihre Existenz und segne sie im Namen des lebendigen Gottes - und doch kommen mir Zweifel: wird sie ihrer Aufgabe gerecht? Die krassesten Verdrehungen habe ich schon in ihr gehört: "wer glaubt und getauft wird, wird gerettet werden, wer nicht getauft wird, wird verdammt". "Männer und Frauen sind in der Gemeinde Gottes gleichgestellt". "Jesus hat Gottes Gebote eingehalten, wir können es auch". "Unverheiratet zusammenleben und Sex außerhalb der Ehe ist keine Sünde"…

Szenenwechsel.

Ich sitze in der "lancha", einem schmalen Holzboot mit Außenbordmotor. 5 Touristen, ein Bootsmann und der einheimische Expeditionsleiter auf dem Weg zur Dschungelherberge. 4 Stunden stromaufwärts, ein schmaler Pfad, dann sind wir mitten drin im Regenwald: ein paar Holzhütten, Hängematten, kein Fernseh- und Facebookempfang.

Natur pur. Erkundungstrips sind angesagt. Ein Highlight: die nächtliche Alligatorbeobachtung vom Boot aus. Ich schaue mir die Teilnehmer etwas genauer an. Der typische smart coole Westler Mitte Zwanzig, freundlich und unverbindlich: Daumen hoch, grinsen, Selfie. Unser peruanischer Leiter weiß, worauf sie abfahren. Geheimnisvoll zitiert er ein spanisches Wortspiel: "en la selva hay más ojos que hojas" - im Urwald gibt es mehr Augen als Blätter - und plötzlich wird die Natur zur selbstständigen Größe. Sie bedroht und beschützt, tötet und schenkt Leben. Fehlt nur noch, dass wir anhalten, am Ufer einen Kreis bilden und uns ehrfurchtsvoll vor ihr verneigen. Am Morgen hatte ich im Buch der Psalmen von dem gelesen, der die Natur erschaffen hat, sie funktionsfähig erhält, tatsächlich über Tod und Leben entscheidet. Ich versuche eine Brücke zu finden. Damit sie den Schöpfer anstatt das Geschöpf verehren. Fehlanzeige. Funkstille.

Später ist es aber dann doch soweit. Ich sitze mit dem peruanischen Leiter am Tisch der Versammlungshütte. Wir warten auf die anderen.

Woher? Wohin? Familie? Gefällt es dir? Ein sympathischer Typ. Wir kommen ins Gespräch. Ich lasse ihn an meinen Eindrücken teilnehmen. Als wir uns das erste Mal begegneten, stellte er sich mir vor: "Ich bin Jesus, dein Führer". Dass hat natürlich gesessen. Jetzt kann ich ihm von den Gedanken, die mir damals durch Kopf rasten, einiges mitteilen: Jesus ist tatsächlich mein Führer - der aus Nazareth, und zu meinen größten Wünschen gehört, ihm einmal zu begegnen; zu sehen, wie er wirklich aussieht. Ich glaube an alles, was in der Bibel über ihn geschrieben ist und verstehe die Schönheit und Lebenskraft der Natur als Ausdruck seines Wesens. Er hat sie gemacht.

Der Jesus aus Puerto Maldonado hört zu. Interesse? Höflichkeit? Berechnung? - schließlich bin ich sein zahlender Kunde. Ich weiß es nicht. Immerhin werde ich nicht mehr zum rituellen Treffen mit dem örtlichen Schamanen eingeladen. Auch schön.

Es kommt zum krönenden Abschluss der Tour. Früh morgens geht es mit dem Boot zur "collpa de quacamayos", einem salzhaltigen Uferabschnitt, an dem sich bei trockenem Wetter Hunderte von Papageien versammeln, um ihren Mineralienbedarf zu decken. Ein Spektakel, das diesmal ausbleibt. Es regnet leicht. Die wenigen, die sich einfinden, landen in den Baumkronen und halten Abstand. Doch zu sehen sind sie - und sie sind schön. Farbenfroh, variantenreich und stimmgewaltig. Ich kehre zufrieden nach Puerto Maldonado zurück.


Später lese ich in der Bibel: "Glückselig, die zum Hochzeitsmahl des Lammes geladen sind…" (Offenb.19,9). Es klingt so unwirklich, so fremd, fast ein wenig kitschig religiös - und ist doch wahr. Es gibt diese zukünftige Begegnung mit Jesus - mit dem aus Nazareth. Seine ewige Welt existiert. Im Vergleich zu ihr ist die Schönheit der gegenwärtigen, zeitlich begrenzten, nur ein Schatten. "Draußen sind die Hunde, und die Zauberer, die Unzüchtigen, die Mörder, die Götzendiener und jeder, die die Lüge liebt und tut" (Offenb.22, 15). Ich denke an die teilnehmenden Pärchen, die bei der Expedition die Zimmer teilten. Verheiratet waren sie bestimmt nicht, und gelogen haben sie wahrscheinlich auch schon. Bin ich ihnen den entscheidenden Hinweis schuldig geblieben? Schließlich bin auch ich nur durch die Vergebung meiner Sünden von draußen nach drinnen gekommen!

Ich sitze im Flieger, der mich zurück nach Lima bringt. Fensterplatz. Unter mir zieht erneut die Landschaft vorbei, die von der Kraft und Vielseitigkeit ihres Schöpfers Zeugnis gibt. Er hat Wege, damit auch die übrigen Expeditionsteilnehmer aus der spirituellen Welt der falschen Götter in die des lebendigen und wahren Gottes wechseln können. Er hat mit jedem von ihnen seine ganz persönliche Geschichte. Ich lehne mich zurück und atme auf. Es geht mir wieder gut.

Klaus Baldauf