VERLASSEN  


(Mein Gott sei nicht ferne von mir).


„Verlass mich nicht, HERR! Mein Gott, sei nicht ferne von mir!”

Ich rufe: „Ich bin einsam und von allen verlassen und verachtet, darum nimm Du

mich an und verlass mich nicht!”

Gottes Natur entspricht es, dass er aus nichts etwas macht. Die Menschen aber machen aus etwas Bestehendem etwas anderes. Das ist aber geistlich betrachtet ein völlig unnützes Werk.

Darum nimmt Gott nur Einsame und Verlassene an. Er macht niemand gesund als nur Kranke, macht niemand sehend als nur Blinde, macht niemand lebend als nur Tote, macht niemand gerecht als nur Sünder und niemand weise als nur Toren.

Kurz gesagt: Er erbarmt sich nur der Elenden und gibt seine Gnade nur denen, die in Ungnade sind. Ein hochmütiger Heiliger oder ein Weiser oder Gerechter kann daher kein Teil an Gott bekommen, auch kann Gottes Werk in einem solchen keine Gestalt annehmen.

Solch ein Mensch bleibt in seinen eigenen Werken stecken und macht aus sich

selbst einen erdichteten, falschen und angemalten Heiligen – also einen Heuchler.

(Aus: Martin Luther, Tägliche Andachten über das Gebet.  CLV 2014).